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Lasst uns die Digitalisierung nicht zerreden

Digitale Kirche ist mehr als Social Media

Seit früher Kindheit befasse ich mich leidenschaftlich mit digitalen Phänomenen unserer Zeit. Angefangen hat alles bei mir mit den ersten 8-bit Heimcomputern, das ist nun schon gut 35 Jahren her. - Seit kurzem bin ich zuständig für die Leitung Kommunikation der Landeskirche Hannovers und freue mich über eine aktuell sehr lebhaft geführte Diskussion über „Digitale Kirche“. Als Medien- und Kommunikationsbeauftragte der Landeskirche wollen wir hier im Bereich „Digitale Kirche“ auf ein paar zentrale Grundgedanken eingehen:

1. Diskussionsstand

Die in der Diskussion wiederzufindenden Meinungen und Haltungen sind genauso vielfältig wie die Kirche selbst. Das reicht vom Vorwurf, dass die Kirche einmal mehr „hinten dran“ sei, was die Auseinandersetzung mit einem großen Zeitthema betrifft, und geht bis hin zu praktischen Formatvorschlägen für eine Diskussion. Der Vorwurf, Kirche habe einmal mehr den Anschluss verpasst, ist in der Tat nichts Neues. Bedenkt man, dass die Kirche eine der ältesten Organisationsformen überhaupt ist, dürfte es nicht verwundern, wenn sie sich wenig flexibel und wandlungsfähig zeigt.

Meines Erachtens bleibt hier außer Betracht, dass zum einen vor einigen Jahren bspw. Landeskirchen schon begonnen haben, erhebliche Budgets von „analog“ auf „digital“ umzuwidmen, um bspw. moderne Collaboration-Systeme, Social Media-Konzeptionen, Web-Baukästen für ihre Gemeinden usw. auf den Weg zu bringen. Und auf der anderen Seite zeigt sich, dass viele große Organisationen in Deutschland in der Tiefe auch nicht viel weiter sind — es existiert auch in Industrie, im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft noch erheblicher „Nachholbedarf“ — was auch immer als Maßstab gilt. So sind Prozesse, Geschäftsmodelle branchenübergreifend noch längst nicht durchdigitalisiert und unter Berücksichtigung des digitalen Wandels neu gestaltet. Auch hier trifft man immer wieder auf einen „Inner Circle“ und insbesondere auf junge Generationen, die der eigenen Institution vorhalten, zu langsam und nur zögerlich auf den digitalen Wandel einzugehen.

2. Unter dem Eisberg

Hierin offenbart sich möglicherweise auch ein bisher wenig benannter Kern der Diskussion: Möglicherweise geht es gar nicht allein um die „Digitalisierung“, sondern es geht um einen tiefgreifenden Wandel, den die neue digitale Welt offenbar macht. Ein Wandel, der vielleicht mehr durch eine Veränderung im Denken, in Haltungen in Bezug auf (digitales) Leben und Arbeiten geprägt ist und sich insbesondere auch im Generationswechsel niederschlägt. Dabei tun sich naturgemäß große Organisationen erheblich schwerer mit dem Wandel als kleine Start-ups. Die Frage der „Digitalen Kirche“ ist also auch eine organisationale.

Eine treibende Rolle spielt dabei sicher auch das Auseinanderfallen von privatem und beruflichem Leben: Generationsübergreifend stellen wir fest, dass unser Leben mehr und mehr Digitalisierung erfährt. Nutzen wir privat bspw. intensiv digitale Kommunikationswege, digitale Homesteuerung, Online Services für Banking und Bestellungen, digitale lokale Dienste und Navigation, Online Desktop Tools usw., trifft man in der Arbeitswelt noch auf papierbasierte Prozesse, Formulare, lange Entscheidungswege, wenig Transparenz und nur geringe Möglichkeiten zum vernetzten (digitalen) Arbeiten — so auch in der Kirche.

Doch eine Generationsfrage?

Und in der Regel kommen die Verantwortungsträger in Organisationen aus einer Generation, die vor allem analog geprägtes Arbeiten gewohnt ist. Die „Macht der Gewohnheit“ und die langjährig eingeübte und gelebte Kultur sind dabei nicht zu unterschätzen: Sie geben ein Gefühl der Sicherheit und Stabilität — für jede größere Organisation und im Besonderen für Kirche ein wesentliches Identifikationsmerkmal.

Und dennoch glaube ich persönlich, dass es eine Offenheit für den (digitalen) Wandel gibt und es nun gilt, neue, systematische Wege zu finden, wie dieser gelingen kann. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die disruptiven Innovationen und die Schnelligkeit der Digitalisierung mit den hohen Anforderungen unserer Zeit (VUCA) zu wahr genommenen „Entscheidungslähmungen“, Vorbehalten und Zurückhaltungen führen, die auch die aktuelle Diskussion zur „digitalen Kirche“ prägen.

Mehr als Social Media

Die Diskussion und die Beiträge drehen sich zu einem großen Teil um den Umgang mit Social Media — und dies nahezu ausschließlich in einer Gruppe, die selbst eine hohe Affinität zu Social Media hat. Dies birgt die Gefahr, dass Argumentationen sehr eindimensional geführt werden. Ich möchte mich gerne denen anschließen, die dafür plädieren, neue Formate zu finden, die die Betrachtung weiterer Sichtweisen und Aspekte ermöglichen — beispielsweise ein bewusst analoges Format mit erweitertem Kreis auf Bundes- und Landesebene (tbd).

Und dennoch ist die Bereitschaft der Kirche, sich auf digitalen Kommunikationsebenen abzubilden, ein Indikator für die Bereitschaft eines digitalen Wandels und lässt auf die wahre Tiefe des Eisberges schließen.

3. Ebenen des digitalen Wandels

Um die Tiefe der Digitalisierung zu ergreifen, lohnt es sich für die Diskussion, die Ebenen und die Tragweite des digitalen Wandels zu betrachten. Hier eine Möglichkeit:

3. Ebenen des digitalen Wandels

Echter (digitaler) Wandel betrifft bei der Betrachtung nicht nur die Ebene der Prozesse, wie bspw. Kommunikation gestaltet wird. Es betrifft auch nicht nur das „Kerngeschäft“, bspw. Gemeindearbeit („digitale Seelsorge“ u. a.). Es betrifft auch die Art und Weise, wie wir denken, miteinander interagieren, unsere Sprache und Organisationsgrammatik u. v. m.

Wollen wir Vorhaben zur Digitalisierung bewerten und diskutieren, helfen u.U. Fragen aus dem Innovationsmanagement:

  • Inhaltlich: Was ist neu (digital) und in welchem Umfang?
  • Nutzerorientiert: Digital und akzeptabel für wen?
  • Normativ: Digital gleich erfolgreich? Erfolgreich in welcher Hinsicht?
  • Prozessual: Wo beginnt, wo endet die digitale Neuerung?

Dabei ist es für eine Diskussion auch wichtig, sich des Paradigmas bewusst zu sein, dem die Kirche wie auch andere Organisationen gegenüberstehen: Echter Wandel, ausgelöst durch disruptive Innovationen, bedeutet auch, dass wir den Ausgang und das Ergebnis (heute) noch nicht wissen können.

4. Wie ein Diskurs gelingen kann

Daher braucht es Formate für einen Diskurs — und Rahmenbedingungen, wie dieser gelingen kann. Ich möchte daher gerne einen Anfang für eine Diskussion machen und ein paar Thesen aufstellen (was für ein Wort in diesem Jahr), welche Voraussetzungen förderlich für einen fruchtbaren Diskurs sein könnten:

1. Es braucht ein Bewusstsein und einen offenen Diskurs darüber, was Digitalisierung und digitaler Wandel bedeuten. Dieser kann und muss auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden.

2. Dieser Prozess ist offen zu gestalten, um echten Paradigmenwechsel zuzulassen. Allein der Ruf danach wird ihn noch nicht gestalten. Festlegungen — ähnlich wie in Kreativprozessen — sind hierbei hinderlich.

3. Es braucht einen Raum für Experimente und eine Kultur der Offenheit und Fehlertoleranz. Kirche ist aufgefordert, diesen Raum zur Verfügung zu stellen und zu moderieren — unter Berücksichtigung von Punkt 1 und 2. Wenn dieser Raum nicht zur Verfügung steht, werden Innovationen sich außerhalb der aktuellen Möglichkeiten eigenen Raum suchen.

4. Es braucht neben einer Prozessoffenheit bewusste Schnittstellen für Impulse von außen. Die Notwendigkeit, das Momentum und die Dringlichkeit für einen Wandel werden so ermöglicht und gefördert. Anders herum: Eine „digitale Kirche“ kann nicht allein aus Erkenntnissen eines selbstreferenzierenden Systems entstehen.

5. Es bedarf eines theologischen Diskurses: Auch tiefgreifender Wandel berücksichtigt immer die Grundidee. Daher wird die digitale Kirche sich auch immer als Kirche selbst fragen müssen, wie sie ihrem Auftrag und ihren Wesenselementen gerecht werden kann. Dieser Diskurs ist für das Etablieren von neuen Formen essenziell.

6. Bei aller Diskussion hilft es, sich auf eigene Stärken zu besinnen: Digitale Kirche wird ihrer Tradition und Stärke gerecht, normative Diskurse in einer sich verändernden Gesellschaft zu führen und moderieren zu können. Wenn sich Kirche hier nicht als Moderator und Partner anbietet, werden bspw. ethische Diskussionen (10 Gebotepermanently online, u.a.) außerhalb der Kirche oder ohne Kirche geführt.

7. Es braucht Diversität und Vernetzung: Die Kraft für Innovationen liegt in der Beteiligung und in der Verknüpfung von unterschiedlichen Erfahrungen, Fachkompetenzen und Sichtweisen. Wandel braucht ein Ringen um neue Ansätze und eine interdisziplinäre Methodik, die Kirche gut bereitstellen kann.

8. _______________ (your call).

Und in alldem kann Kirche hier ihre normative Stärke gut ausspielen, denn die Diskussion zeigt, dass es zentrale Werte braucht: (Digitaler) Wandel ist Kulturveränderung und damit sind wir wieder bei ganz essentiellen Grundfragen. Und genau das motiviert mich persönlich, die Diskussion zu verfolgen und mitzugestalten.

Ich freue mich auf viele Ergänzungen und eine lebhafte Diskussion.

 

18.04.2017
Klaus Motoki Tonn
Leiter der Kommunikation; EMSZ der Landeskirche Hannovers

Klaus Motoki Tonn
Abteilung / Referat:

Evangelisches MedienServiceZentrum

Aufgabenbereich:

Leiter der Kommunikation